"Heutzutage sind fast alle Opfer. Zu erkennen ist das oft daran, dass Sätze mit 'heutzutage' anfangen."
(Christoph Müller)
(Bild: Gemini)
Frage an Claude: Welche Begriffe gibt es für den Effekt und/oder den Menschentyp, sich in der Rolle des Opfers wohlzufühlen? Beispielaussage für diesen Typus: "Wir werden doch alle belogen und betrogen!" (Antwort bei Bedarf durch Klick aufklappen)
Es gibt eine ganze Reihe von Begriffen, je nachdem, ob man die Haltung, den Menschentyp oder den dahinterliegenden Mechanismus meint.
Für die Haltung bzw. den Effekt
- Opferrolle / Opfermentalität ist der gängigste Alltagsbegriff. Die Person deutet Widrigkeiten grundsätzlich als etwas, das ihr von außen angetan wird.
- Victim Mentality ist die englische Entsprechung und wird auch im Deutschen oft verwendet.
- Viktimisierung (Selbstviktimisierung) meint die aktive Selbstdarstellung als Opfer, oft mit Blick auf die Wirkung nach außen.
- Kollektive Viktimisierung bezeichnet dasselbe auf Gruppenebene (“Wir alle”, “das Volk”, “die kleinen Leute”).
- Competitive Victimhood (Opferkonkurrenz) beschreibt den Wettbewerb darum, wer am meisten gelitten hat, weil Opferstatus moralisches Kapital bedeutet.
- Victimhood Culture ist die soziologische Diagnose von Campbell und Manning (2018): Moralischer Status wird durch Opferstatus erworben, und man ruft Dritte als Richter an.
- Ressentiment (Nietzsche, Scheler) ist ein philosophischer Klassiker: ein dauerhaft gehegter Groll, der aus empfundener Ohnmacht entsteht und sich in Selbstgerechtigkeit verwandelt.
- Sklavenmoral (Nietzsche) steht für die Umwertung der eigenen Schwäche in moralische Überlegenheit.
- Externale Kontrollüberzeugung (Rotter) ist der psychologische Fachbegriff: Ereignisse werden Schicksal, Zufall oder mächtigen Anderen zugeschrieben, nicht dem eigenen Handeln.
- Erlernte Hilflosigkeit (Seligman) hängt damit zusammen, ist aber eher ein Zustand nach wiederholter Erfahrung von Kontrollverlust als eine Wohlfühlhaltung.
- Sekundärer Krankheitsgewinn (Freud) ist die Übertragung auf den Opferstatus: Man profitiert von der Rolle durch Zuwendung, Entlastung von Verantwortung oder Rechtfertigung.
Für die Rollenverteilung
- Das Drama-Dreieck (Karpman) beschreibt das Opfer als eine von drei Rollen neben Verfolger und Retter. Das Opfer “braucht” gewissermaßen den Verfolger, weshalb die Rolle stabil bleibt.
- “Ja, aber”-Spiel (Eric Berne, Spiele der Erwachsenen) trifft das Muster, jeden Lösungsvorschlag abzuwehren, um in der Klage bleiben zu können. Auch “Schlemihl” und “Tritt mich” gehören zu Bernes Spielen.
- Externalisierung bezeichnet das Verlagern der Ursachen nach außen.
Für den Menschentyp
- Jammerer, Nörgler, Dauerklager sind umgangssprachlich.
- Märtyrer / Märtyrertyp passt, wenn das Leiden zusätzlich zur Selbsterhöhung dient.
- Querulant ist der Typ, der sich dauerhaft ungerecht behandelt fühlt und dagegen anläuft.
- Der ewig Zukurzgekommene ist eine klassische Wendung.
- Wutbürger und Reichsbürger-/Verschwörungsmentalität treffen die politische Spielart, bei der Opfergefühl mit Misstrauen gegenüber “denen da oben” verschmilzt.
- Der “Gekränkte”: Kränkungsforschung (Reinhard Haller, Die Macht der Kränkung) beschreibt, wie unverarbeitete Kränkung in Groll und Rache umschlägt.
- Passiv-aggressiv ist die Verhaltensdiagnose, wenn Vorwurf und Klage zur Beziehungsgestaltung werden.
Zur Beispielaussage
“Wir werden doch alle belogen und betrogen!” hat mehrere typische Merkmale: das pauschale “alle” (Kollektivierung), das passive “werden belogen” (kein handelndes Subjekt auf der eigenen Seite), das unbestimmte, aber böswillige Gegenüber (diffuse Täterschaft) und das “doch”, das Zustimmung einfordert. Am treffendsten dafür wären Ressentiment, kollektive Viktimisierung und externale Kontrollüberzeugung. Wo die Aussage auf ein verschwörungsnahes Weltbild zielt, kommt der Begriff Verschwörungsmentalität hinzu.
Ein Hinweis zur Vorsicht: Ein berechtigtes Opfer-Sein (jemand wurde tatsächlich belogen oder betrogen) ist etwas anderes als das Sich-wohlfühlen in der Rolle. Das Unterscheidungsmerkmal ist, ob die Person Veränderung oder Aufklärung will oder ob die Klage selbst der Zweck ist. Dafür taugt vor allem Bernes Spielbegriff als Prüfstein.
Christoph Müller
Nebenfrage: Ich meine mich zu erinnern, dass vor vielen Jahren 'Opfer' ein Jugendwort war. Steckte darin damals (evtl. subtil) bereits die obige Reflexion, oder war das lediglich eine beliebte Beleidigung?
Claude
Vermutlich war es überwiegend eine Beleidigung, aber mit einer eigenen Logik, die eher das Gegenstück zur obigen Reflexion ist.
Was “Opfer” als Schimpfwort meinte. Gemeint war nicht jemand, der sich gern als Opfer inszeniert, sondern jemand, der als schwach, ungeschickt oder sozial niedrig gilt, also das typische Mobbingziel. “Du Opfer!” heißt sinngemäß: Du stehst in der Hackordnung unten, mit dir kann man es machen. Das ist eine Statuslogik, in der Stärke zählt und Opfer-Sein ein Makel ist. Man könnte sie als Herrenmoral im Pausenhofformat lesen: Das Opfer wird verachtet, nicht bemitleidet.
Zugleich steckt darin das Gegenteil von Victimhood Culture. Dort bringt der Opferstatus moralisches Kapital, im Jugendjargon war er ein Stigma. Der Bedeutungswandel von “Opfer” (religiös: Opfergabe; juristisch: Geschädigter) zum Schimpfwort ist sprachlich ohnehin bemerkenswert, weil dabei das Mitleid aus dem Wort verschwindet und nur die Verachtung für den Schwächeren bleibt.
Wo die Reflexion eher steckt. Die Haltung, die Sie meinen, die Klage als Dauerzustand, hatte in der Jugendsprache eigene Wörter: Heulsuse, Jammerlappen, Memme, später vor allem “Mimimi” (ab etwa 2010 im Netz verbreitet). Letzteres zielt genau auf das Klagen als Selbstzweck und auf das Einfordern von Mitgefühl. Auch “Lauch” oder “Loser” gehören eher in die Statuslogik von “Opfer”.
Eine Einschränkung. Wie bewusst Sprecher das unterscheiden, lässt sich schwer sagen. Meist war es schlicht eine flexible Beleidigung, die sich vom Inhalt gelöst hatte (“Opfer” für fast jeden, der sich dumm anstellt), teils auch ironisch-freundschaftlich gebraucht. Der erste Schritt zur Reflexion über Opferrollen lag darin eher nicht, wohl aber eine untergründige Ablehnung der Schwäche, die sich gut als Spiegelbild zum Ressentiment lesen lässt.
Zum genauen Jahr und zur Platzierung als Jugendwort würde ich nicht aus dem Gedächtnis zitieren. Falls das für must.de wichtig ist, lässt sich das schnell nachrecherchieren.
--- Ende des Dialogs mit Claude ---
"Was du denkst, bist du. Was du bist, strahlst du aus. Was du ausstrahlst, ziehst du an."
(Buddha)